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Moderne Tradition | ||||||
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12.05.2009 Architektur lässt sich nicht allein im Vorlesungssaal vermitteln. Die A:Jugend fragt, wie sich Architekturstudierende außerhalb der Lehre an der Hochschule mit Architektur beschäftigen. Stephanie Ludwig berichtet über eine Studienreise nach Finnland. Ausgehend von Helsinki möchte ich mir auf einer Reise durch Finnland Bauten des finnischen Architekten Alvar Aalto ansehen. Meine Tour führt durch Ost- und Mittelfinnland, meine Auswahl an Werken ist klein, der Eindruck, den sie bei mir hinterlassen jedoch um so größer. Mit Ausnahme des Südens des Landes, der, geprägt durch seine schwedischen Bewohner stark dem Nachbarn gleicht, fallen dem Besucher in den kleinen und mittelgroßen Städten Finnlands - Helsinki bildet hier eine Ausnahme - zunächst trostlose Einkaufscenter und riesige Parkplätze ins Auge. Viele historische Altstadtkerne aus Holzhäusern fielen den Flammen zum Opfer und wurden dann - meist in den letzten 50 Jahren auf Basis von groben städtebaulichen Plänen - ersetzt. Doch das Leben in der Stadt, so macht es den Anschein, ist für viele Finnen nur eine Notlösung. Wann immer auch möglich wenden sie der Stadt den Rücken und verbringen die Zeit in ihrem Sommerhaus inmitten der Natur. Die Holzhäuser beschränken sich meist auf die nötigste Ausstattung, oftmals eigens von den Bewohnern aus Holz gebaut. Der sensible Umgang Aaltos mit der Natur, das Nebeneinander von Architektur und Natur, das seine Bauten auszeichnet, muss unbedingt vor dem Hintergrund eines Landes gesehen werden, dessen Kultur sehr eng an seine Natur gebunden ist. Finnland hat seinen wirtschaftlichen Aufschwung zu Beginn des 20. Jahrhunderts in weiten Teilen den ebenso weiten Wäldern und der daraus hervorgehenden Papierindustrie zu verdanken. Aaltos Sommerhaus – ein Experimentallabor Im Jahr 1952 beginnt Alvar Aalto mit dem Bau seines Sommerhauses in Muuratsalo in Mittelfinnland. Er betrachtet dieses Haus als ein Experimentallabor, es soll ihm helfen, Architektur weiter zu denken. Sich die Freiheit einzuräumen, Lösungen auf entwerferische und technische Fragen nicht nur auf dem Skizzenblatt, sondern als gebaute Studie zu erarbeiten und diese auch so zu bezeichnen, sagt viel über das Selbstverständnis und den Anspruch des Architekten aus. Er experimentiert mit 50 verschiedenen Ziegelsorten und überprüft sie auf Haltbarkeit und räumliche Wirkung, verschiedenste Mauerwerksverbände ergänzt er durch blaue Fliesen, positioniert einen Feuerplatz in der Mitte des Innenhofs und schlemmt die äußere Hülle des Hauses weiß. Durch große Öffnungen wird eine Verbindung zwischen dem Hof und der umgebenden Natur dargestellt. Als Fundament des Hauses dient der Fels, der sich aus dem Wasser erhebt und eine Landzunge formt. Das Rathaus als Ort der Gemeinschaft Die Reise geht weiter in das nahe gelegene Säynätsalo. Für diesen kleinen Industrieort plante Aalto 1942 bis 1947 einen Bebauungsplan und von 1949 bis 1952 realisierte er das Rathaus, welches später zu seinen bedeutendsten Gebäuden gehören soll. Das Rathaus beschränkt sich nicht auf das Verwalten allein, die Anlage beherbergt außerdem Wohn- und Geschäftsräume und eine öffentliche Bibliothek. Die Baukörper bilden einen Innenhof, welcher aufgrund der Hanglage des Grundstücks höher liegt als der Eingangsbereich. Wie bei vielen anderen von Aalto geplanten Ortszentren greift er auch hier auf das Bürgerforum als symbolischen Versammlungsplatz zurück, ein Bekenntnis zur Monumentalität - zwar in kleinem Rahmen, dennoch selten in dieser Zeit. Ähnlich wie beim Experimentalhaus löst die Farb-und Materialwahl des Gebäudes meine große Bewunderung aus. Dieser Bau, er kann nur an dieser Stelle stehen, zwischen den hohen Kiefern mit ihrem dunklen Grün und dem weichen Waldboden. Die Materialien strahlen trotz des Regenwetters eine behagliche Wärme aus und die behutsame Auswahl an Farben und Formen setzt sich fort bis in die sorgsam gestalteten Details. "Haus der Kultur" und Finlandia-Halle Zurück in Helsinki steht das "Haus der Kultur", zwischen 1952 und 1958 erbaut, und die Finlandia Halle, welche in den Jahren 1962 bis 1975 entstand, auf dem Programm. Das "Haus der Kultur" ist ein vollkommen introvertierter Baukörper, der sich bewusst von der befahrenen Straße abwendet, an der er liegt. Für die gewellte Außenwand entwickelt Aalto einen keilförmigen Ziegelstein, außerdem optimiert er die Dach- und Wandflächen des Auditoriums, was zur Folge hat, dass das für seine Klangqualität berühmte Auditorium auch von Orchestern für Aufnahmen benutzt wird. Als letzten Aalto-Bau besuche ich die Finlandia-Halle, welche an der Töölö-Bucht in Helsinki gelegen ist. Die Halle hebt sich gänzlich von den zuvor gesehenen Bauten ab, an die erste Stelle tritt nun weißer Marmor statt Ziegel und Holz. Der Marmor ist spröde geworden und bricht an vielen Stellen, die Anbindung an die Stadt ist fraglich. Statt öffentlichem Leben stoße ich vor allem auf weite Parkplätze vor dem Gebäude, dunkle Parkzonen und ausladende Liefereingänge im Erdgeschoss der Halle. Hier fehlt das Besondere. Vielleicht ist das spezifisch Finnische der Umgang mit der Landschaft, mit der Natur? Ich frage mich, ob die Suche nach dem Ausdruck der eigenen Tradition im modernen Bauen, welcher im Werk Alvar Aaltos auf so eindrückliche Weise erkennbar ist, nur dann gelingt, wenn der Topos einen Bezug zur umgebenden Natur – dem identitätsstiftenden Merkmal Finnlands – zulässt. Denn der Umgang mit der steinernen Stadt, so scheint es, ist den Finnen aus ihrer Geschichte heraus nicht vertraut, hier fehlt die Tradition und damit der Bezugsrahmen, in dem sich die Stadt als finnische Stadt – und nicht nur als moderne Stadt – weiterentwickeln kann. Stephanie Ludwig |
![]() [+] In vielen finnischen Städten das gleiche Bild: von einem historischen Stadtkern keine Spur, stattdessen große Baukörper und weite Parkplätze. Fotos: David Kasparek ![]() [+] Das Land der tausend Seen - im starken Kontrast zu den trostlosen Städten steht die bezaubernde Landschaft Finnlands. ![]() [+] Hier experimentierte Alvar Aalto einst mit Ziegeln, Fliesen und Verbänden. Heute steht das Haus Besuchern offen. ![]() [+] Das Innere des Experimentalhauses: Symbiose aus moderner Form und traditionellen Materialien ![]() [+] Das Rathaus des kleinen Ortes Säynätsalo in Mittelfinnland ![]() [+] Die begrünte Treppe führen zum Innenhof des Rathauses ![]() [+] Die Finlandia-Halle am Ufer der Töölö-Bucht |
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