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Die Geschichte vom nicht gebauten JahnTurm am Ottoplatz

Endlich auf das andere Ufer gewechselt sprach der Finder mit dem Verantwortlichen, der jenseits eines hohen Zaunes stand. Auf dem Zaun balancierte, in der Art eines Huhnes oder eines Hahnes, der Sucher, und rief ausgelassen und laut: "Dort ist es! Hier wird es sein!" Der Verantwortliche forderte ihn auf zum einen nicht so zu schreien und zum andern dort herunterzukommen. Er wollte Aufmerksamkeit vermeiden. Der auf dem Zaun jedoch war froh, dass sich das Training gelohnt hatte und sang, mühsam um Melodie und Balance ringend, ein Lied, das von einer Frau mit sehr langen Haaren handelte, die in einem Turm lebte und auf den Namen eines Gemüses hörte. Dies beschwichtigte und gefiel dem Verantwortlichen, den sowohl Lieder als auch Frauen mit langen Haaren interessierten. Gemüse mochte er nur gekocht.



[?] 360 Grad Panorama vom Ottoplatz

Er zündete sich eine Zigarette an, schob eine weitere durch den Zaun, nicht ohne die Hoffnung den Finder in ein Männergespräch verwickeln zu können. "Schönes Lied, schöne Stimme, da ihr Freund, der." Der Angesprochene erwiderte nuschelnd und kurz angebunden so etwas, was sich anhörte wie "weissichnichisnichmeinfreund", um dann etwas aufgeräumter anzufügen "schönenturmhammseda" und dabei auf die Kreuzung zu deuten. Auf ein kurzes "woher wissen se ’n das?" echote ein noch kürzeres "siehtmandoch". Woraufhin der Sucher nicht mehr an sich halten konnte und dazwischen fahrend von der Höhe des Zaunes dozierte: "Im Prinzip unterscheiden sich die Türme, die man sieht, von denen die man nicht sieht, nur visuell. Das da drüben, was man noch nicht sieht, zum Beispiel, hat einer gebaut, der einen kleinen grauen Esel hat." Was der Verantwortliche sich an die Stirn tippend mit "Vogel" und der Finder gutmütig korrigierend mit: "Esel" kommentierte, und der Sucher "passen se mal auf, das ist nämlich so," sagte um dann fortzufahren:

"Es war einmal ein Architekt, der baute immer nur ganz kleine flache Teller aus Pappe, in denen einer weder wohnen noch arbeiten konnte. Er hatte aber einen kleinen grauen Esel, dem langsam der Hafer ausging und der sich darob seinerseits, wie es nun einmal der Esel Art ist, Sorgen um seine Zukunft machte. Und so sammelte er eines Tages alle Buchstaben, die er sich bis dahin in seinem Eselsleben hatte merken können.

Das waren: Zehn As, zwei Bes, sieben Ces, zehn Des, dreiundzwanzig Es, ein eF, ein G, zwölf Has, dreizehn Is, drei Ms, zehn eNs, vier Os, sieben eRs, vierzehn eSs, dreizehn Tes, vier Us, drei Pes, vier Wes, drei Zets und ein Ä. Und nach mehreren Tagen angestrengten Verschiebens der verfügbaren Lettern sprach also das Tier die folgenden Worte: "Alter, so wird das nichts, das mit den Papptellern ist doch total Siebziger, das will heute keiner mehr sehen, was heute zieht sind Hochhäuser, am besten welche mit Knick, das finden alle schick." Der Architekt aber glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Er wusste von seiner Mutter, dass Esel nur dann reden, wenn sie Recht haben und so fiel er dankbar auf die Knie und fragte sein weises graues Orakel mit den weichen Ohren:

"Oh kluger Esel, sprich zu mir, du sollst mich leiten - Noch heute tu ich was du willst, so nimm mein Wort - Doch wird mir deiner Worte Zweck und Sinn entgleiten - Sagst Du mir nicht an welchem Ort."

Der Esel, hätte jetzt gerne so etwas gesagt wie "Sevilla" oder "Istanbul", wo er schon immer mal hin wollte, doch war er leider etwas verschwenderisch mit den Buchstaben umgegangen, und die einzigen die er noch übrig hatte waren ein D, ein E, ein T, ein U und ein Z. Darum spitzte er seine Ohren, scharrte ein wenig mürrisch mit den Hufen, wie das so seine Art war und sprach mit geschürzten Lippen das Wort "Deutz".

Nachwort:
Bereits am nächsten Morgen fand der Architekt im Kölner Stadtanzeiger unter "Immobilien" den folgenden Text: Die Stadt Köln sucht dringend einen Architekten zum Hochhausbau in Deutz (rechtsrheinisch). Interessenten melden sich bitte beim Bürgermeister. Vorschläge mit Knick werden bevorzugt behandelt."
Im Laufe der Erzählung war der Sucher diskret vom Zaun auf die Schultern des Finders geklettert und gab diesem nun durch sachtes Treten in die Nieren von oben zu verstehen, dass es an der Zeit sei aufzubrechen um das Weite zu suchen. Und so trabte das ungleiche Paar in das Dunkel der Nacht, während der Verantwortliche einen letzten tiefen Zug aus seinem mittlerweile glimmenden Filter nahm und dabei wie so oft still lächelnd den Turm mit Knick betrachtete, den es noch nicht gibt.
Jens Christian Brand
Aufschreiber
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360 tuerme titel new
Ein Finder und ein Sucher machen sich auf den Weg zu sieben Kölner Türmen. Neben den eigentlichen Orten suchen und finden sie Spuren des Absurden und entwerfen ganz nebenbei ein sehr persönliches Stadtbild.

FrauenMediaTurm
KölnTurm
Hansa-Hochhaus
Helenenturm
Flughafentower
BacksteinTurm
Jahn-Turm



 
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