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Das Dach des Südamerikahauses im Kölner Zoo

Ein Dach, das sich nicht besteigen, nur vom Fuße des Bauwerks betrachten lässt, und vielleicht ist das ja angemessen: Ein wenig Entrückung geht aus von den goldgelb in der Sonne glänzenden Zwiebelturmspitzen, und es sind ohne Zweifel vier russische Kirchtürme, die da an den Ecken eines weiten Satteldaches unerwartet in den Kölner Himmel ragen. Das Oktogon, das die abgestuften Helme umspielen, ist Symbol der Auferstehung Christi und überliefertes Zeichen eines sakralen Raums.

In der reichen, orientalischen Ornamentik scheinen von Ferne Bilder volkstümlicher Architekturen in Russland auf. Allein, der Ort ward seltsam gewählt: Das fremde Bauwerk verbirgt sich zwischen dicht belaubten Bäumen und steht doch nur wenige Meter entfernt vom lärmenden Verkehr der Riehler Straße, während im Hintergrund die karge Silhouette des AXA-Hochhauses emporwächst.



[?] 360 Grad Panorama, Südamerikahaus

Wunderlich, mit Vornamen Ludwig, hieß der Mann, der das nur scheinbar deplatzierte Gebäude 1899 errichten ließ, und so eigenbrötlerisch, wie es erscheinen mag, war sein Vorhaben nicht. Denn Wunderlich, begeisterter Ornithologe, bekleidete seit 1888 das Amt des Direktors im Kölner Zoo und das dortige, heute sogenannte Südamerikahaus diente nie als Kirche, sondern zunächst als Vogelhaus, bevor es nach und nach zur Heimat der Neuwelt-Affen wurde und so seine neue Bezeichnung erhielt.

Mit seinen exotischen Stilelementen aber knüpfte das von Alfred Müller-Grah entworfene Gebäude an eine Jahrzehnte währende Tradition an – und beschloss sie. Vorausgegangen waren bereits diverse Bauten im maurischen Stil wie das erste Straußenhaus und eine langgestreckte Voliere mit zentraler Kuppel und schlanken Minaretten, aber auch ein romanisch-burgartiger Bärenzwinger oder das einem indischen Tempel nachempfundene Elefantenhaus von 1863.

Köln hatte, neben Frankfurt, in dieser Epoche des Historismus in deutschen Tiergärten sogar eine gewisse Vorreiterrolle inne. War es doch der Kölner Gründungsdirektor Heinrich Bodinus, der nach seiner Berufung 1859 entsprechende Bauten im Antwerpener Zoo studierte, seine Erkenntnisse mit an den Rhein brachte und sie zehn Jahre später nach Berlin weitertrug. Mit dem Elefantenhaus hat in Köln allerdings nur ein weiteres Gebäude den Zahn der Zeit und auch die sich wandelnden Ansprüche an die Tierhaltung überstanden: Relikte eines Stils, der die Nachempfindung fremdländisch anmutender Details von Beginn an mit einer phantasievollen Umdeutung für den ungewohnten Zweck verband.

Denn das "irgendwie Ferne", Bildhafte, das den Besucher des Südamerikahauses heute anrühren mag, klang schon damals nicht nur mit, sondern war Ziel einer Architektur, die den Zeit-Geist zunehmender Forschungsreisen und auch gewaltsamer Kolonialisierung in bürgerliche Sehnsüchte umdeutete. Die wilden Tiere, die man zuvor nur von Zeichnungen kannte, sollten in einer nicht minder exotischen Umgebung begeistern; die Herkunft der Tiere und der Baustile wurde dabei eher "auratisch" denn wissenschaftlich in Deckung gebracht.

Insofern stellte das Vogelhaus nicht nur den letzten, sondern den letztlich vielleicht sogar am wenigsten fremd anmutenden Bau dieser Epoche dar. Der befreite Umgang mit dem Vorbild allerdings galt auch hier noch, und so bemerkt der Betrachter, während seine Augen zum heutigen Südamerikahaus zurück wandern: Natürlich ist dies eben doch keine wirkliche Kirchenarchitektur. Das langgestreckte, als Oberlicht ausgebildete Satteldach über filigranen Stahlfachwerkträgern erinnert eher an Markthallen oder an die Bahnhofsbauten jenes ausgehenden 19. Jahrhunderts als an die Zeltdächer, die die dichten und dunklen östlichen Sakralbauten überspannen.

Gebraucht wurde ein lichter Saal, nicht eine Stätte der inneren Einkehr; genau in dieser Umdeutung vom Originären zum "Stil-Bau" aber offenbart sich der architektonische Sinn. Hier ging es um die Erinnerung an einen Ort, den kein Besucher jemals gesehen hatte: Weil es ihn im Realen nicht gab. Und während der erste Anblick des Vogelhauses noch stimmig erscheinen mag, ist gerade am Dach, an seiner Fügung aus östlichem Bild und westlichem Zweckbau die Konstruktion des Exotischen ablesbar.

Olaf Winkler
Freier Architekturjournalist und Redakteur der Zeitschriften polis und build, Köln
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Die Sicht von Oben zeigt Dächer, die zum fließenden städtischen Raum zählen oder so abstrakt wie ein Architekturmodell sind. Dächer, die die wechselhafte Kölner Geschichte erzählen oder pures Freizeitvergnügen sind.

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